Junge Männer mit unterschwelligen Aggressionen und wie du sie entpampst (oder auch nicht) – (2/2)

Entpampungslevel Zweipunktnull:

Eine Woche später besuchte der metropolenschreiber am Tag der deutschen Einheit im Westerwald den Wild- und Freizeitpark Ober-Gackenbach. Die Sonnenstrahlen suchten sich munter ihren Weg durch das noch immer satte Grün des herbstlichen Buchenwaldes. Damm-, Rotwild und Mufflons sausten fröhlich über die steilen Hänge.

Unten an der Talstation der Sommerrodelbahn bot ein Verkaufsstand Brühwurst, Bratwurst und Birnenkuchen von den Landfrauen aus Unter-Gackenbach an. Ein Mittzwanziger verkaufte die Leckereien. Er trug ein enges schwarzes Hemd, das mit kleinen weißen Brandenburger Toren übersät war und das ihm aus der Hose hing. Er war der Styler von Ober- und Unter-Gackenbach. Sein Haupthaar hatte er geschickt zurückgegelt. Und seine Augen quollen mindestens so weit vor wie die von Steve Buscemi.

„Haben Sie noch Brühwurst?“ fragte jetzt das Holzfällerhemd vor dem metropolenschreiber den Styler.

„Alles aus! Nur noch Fleischkäse.“

„Ja, dann nehme ich den.“

Und während der Gegelte eine Scheibe Fleischkäse absäbelte und auf ein Brötchen bugsierte, wurde der metropolenschreiber vorlaut und warf ein: „Sagen Sie, kann ich die Bahn nach oben auch benutzen, wenn ich nicht sommerrodeln will?“

„Sie können die Bahn nutzen, wenn Sie sommerrodeln möchten. Sie können die Bahn nutzen, wenn Sie als Spaziergänger nach oben fahren wollen.“

„Ah, ich muss also nicht sommerrodeln, um da hochzufahren.“

„Sie können die Bahn nutzen, wenn Sie sommerrodeln möchten. Sie können die Bahn nutzen, wenn Sie als Spaziergänger nach oben fahren wollen.“

Artig bedankte sich der metropolenschreiber und überlegte: ´Bin ich jetzt der Pampmagnet der gesamten Taunus-Westerwald-Region? Oder bin ich nur eine großstädtisch geprägte Höflichkeitsmimose?´

Schließlich erkundigte er sich: „Welche Kaffee-Sorten haben Sie denn?“

„Kaffee schwarz.“

Das überraschte und enttäuschte den metropolenschreiber, denn von hinten sah das Gerät auf dem Verkaufstisch wie ein Kaffeevollautomat für Latte, Cappuccino und so weiter aus.

„Na, gut. Ich nehme einen.“

„Einsachtzig.“

Der metropolenschreiber fischte eine zwei Euromünze aus seinem Portmonee und drückte sie dem Styler in die Hand.

„Stimmt so“, erklärte er erwartungsvoll und gönnerhaft. Was käme jetzt? Fiele ihm der Styler um den Hals oder zumindest vor ihm auf die Knie, flehte: „Entschuldigung, dass ich Sie so angepampt habe gerade. Bitte. Entschuldigung.“

Doch nichts dergleichen geschah. Kein einziges „Sorry!“ nirgends. Wie selbstverständlich steckte er die 20 Cent ein. Und der metropolenschreiber dachte bei sich: ´Leute! Alter! Das ist Entpampungslevel Zweipunktnull! Du entpampst, ohne dass dein Gegenüber merkt, dass du ihn entpampst! Haha!´

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