Schick hier – schick da

Nachdem der metropolenschreiber nun fast fünf Jahre in der kleinen Stadt lebt, fragt er sich: Was unterscheidet eigentlich das Leben in der kleinen Stadt vom Leben in der großen Stadt?
Dort suchst du Parkplätze, hier findest du sie? Hier suchst du Cafés, dort findest du sie?

Nein!

Nein?
Es ist der Umgang mit Secondhand-Klamotten.
In der großen Stadt kannst du Second Hand-Klamotten tragen und damit deinen persönlichen Stil definieren.
In der kleinen Stadt bist du mit Second Hand-Klamotten eine arme Sau.
In der großen Stadt kannst du in Hochwasserhosen, ausgelatschten Segelschuhen und einem 80´er Jahre Anorak durch die Straßen laufen und erntest wohlwollende Blicke, in der kleinen Stadt vermutet man deinen Wohnsitz im Männerwohnheim oder sieht in dir einen Freigänger der örtlichen Psychiatrie.
Und während Teenager aus der großen Stadt ihren Stil erproben, indem sie übergroße Schlabberhemden und -pullover ihrer Eltern überstreifen, kennen Teenager aus der kleinen Stadt sämtliche südkalifornischen Modellabels und das Paypal-Passwort ihrer Eltern.
Und kaufst du in der großen Stadt auf dem Flohmarkt einen schwarz-grün-gestreiften Pullunder mit einem kleinen Loch, kommen dir Zweifel, ob du ihn in der kleinen Stadt tragen kannst. Sieht er vielleicht zu schäbig aus?

Wabert also ein permanentes „Pass´dich an!“ durch die mittelalterlichen Gassen der kleinen Stadt? Ja und nein.
In der großen Stadt ist Hässlichkeit das neue Schön. In der kleinen Stadt ist Hässlichkeit das alte Hässlich. Alles Alte ist hier hässlich. Die Frauen färben sich die Haare. Die Männer tragen feinst rasierte Glatzen und trimmen ihre Nasenhaare.
In der großen Stadt ist Nachlässigkeit erlaubt und cool. In der kleinen Stadt findest du sie im Supermarkt des Hochhausdistrikts. Wo das Dach der Einkaufswagengarage zersplittert ist und am Freitagabend Mofagangs Wodka schlürfen, wo Frauen mit zerzausten Haaren im Kühlregal ganz unten links die Kiste mit den abgelaufenen Waren nach Sonderangeboten checken.

In der kleinen Stadt bedeutet Nachlässigkeit Armut und ist nicht frei gewählt. In der kleinen Stadt kokettiert niemand mit diesem Look. Ist die kleine Stadt deshalb ehrlicher? Ist der Gammellook des modernen Großstädters und der modernen Großstädterinnen nicht eine einzige Lüge? Ach, wie pittoresk sehen wir wieder heute aus?

Oder sind es ironische Zitate, die sich gegen das Modediktat der Klamottenkonzerne stemmen?

Vergiftete Pfeilspitzen gegen den Kleidungskapitalismus?

2 Kommentare zu „Schick hier – schick da

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