Norbert in nackig

Ein neuer Trend wabert durch die Gassen der kleinen Metropole und die Nachbarschaft. Nein, es geht nicht um die Geburt einer Filiale der Piratenpartei, eines Bauernhof-Kindergartens oder einer Baugruppe. Nein, es geht um den Trend zum Fensterladen!

„Dieser Bewegung können wir uns nicht entziehen“, erklärt die Frau des metropolenschreibers und wählt die Nummer von Norbert, dem angesagtesten Fensterladenbauer der Stadt. Und Norbert hat Zeit. Norbert wird kommen.

„Hmm, wie bereiten wir uns auf Norbert vor? Wir sollten möglichst genau wissen, was wir wollen? Am besten sichte ich einmal das schon Vorhandene. Genau: Wo steht der Fensterladen-Trend heute? Wo hängt der Laden morgen und auch übermorgen?“ sinniert der metropolenschreiber und  zieht los mit Kamera und Notizbuch, um zu protokollieren: Farbe. Form. Sexyness.

„Mach´ es unauffällig“, mahnt ihn noch Frau metropolenschreiber: „Wir wollen nicht als die großen Fensterladenkopisten dastehen.“

So schlendert der metropolenschreiber nun durch die Stadt, pirscht sich an die Trendläden heran, knipst, notiert und prüft die Materialbeschaffenheit.

„Was machen Sie denn da!“

„Nix. Ich mach´nix.“

„Ich hab´s doch genau gesehen. Sie haben das Haus fotografiert. Sind Sie von Google?“

„Nix! Ich mach´nix!“ –

„Wie spannend das Leben ist, wenn man sich vom Sofa erhebt und vor die Tür tritt“, denkt der metropolenschreiber.

Tja, und endlich ist er da: Der „Norbert“-Tag!

Norbert ist klein und drahtig, seine Jeans verwaschen, speckig, mit Schlag, sein Bart zwei Tage alt, seine Haar dünn, weißblond getönt und schulterlang, seine Restzähne saharagelb. In der einen Hand hält er ein Klemmbrett mit Prospekten, in der anderen Hand einen Coffee-to-go Becher, der in der kalten Morgenluft dampft.

„Wie praktisch“, denkt der metropolenschreiber, „dann müssen wir ihm keinen Kaffee anbieten.“

„Hi, Freaks“, sagt Norbert.

„Okay, dem ist sein Trendsein voll bewusst“, wird dem metropolenschreiber klar, und: „Dann wird das nix mit Preis drücken.“

„Deine Frau hatte angerufen.“

„Genau. Toll, dass Sie so schnell vorbeikommen konnten.“

„Na, klar. Ich will vor meinem Urlaub noch klar Schiff machen. Den Urlaub brauche ich. Das kann ich Dir sagen. Mann, das ist ein dickes Ding mit den Läden. Har. Har.“

„Alle klatschen sich Fensterläden an die Fassade. Das ist total uncool. Das ist Mainstream“, schreit eine Stimme im metropolenschreiber.

„Dann schlage ich vor, dass wir uns das Haus mal von außen ansehen. Und ich zeige Ihnen, an welche Fenster wir gedacht haben.“

Norbert und der metropolenschreiber postieren sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beäugen schweigend das Haus. Links bei Nachbars erkennt man eine Shilouette hinter der Raffsichtblende im Badezimmer, die sich die Achselhaare ausrasiert.

„Schade“, sagt Norbert.

„Was?“

„Die Raffsichtblende“, erklärt der Fensterladenbauer und zeigt mit dem Klemmbrett auf das Badezimmerfenster.

„Ich bin für Offenheit. Ich bin für Transparenz und Haare! In allen Lebenslagen. Wir müssen mehr die Hosen runter lassen. Unser Menschsein in aller Körperlichkeit zeigen. Nackig ist schön. Jeder Körper ist schön. Deiner, meiner, der da oben hinter dem Fenster. Warum verkleiden wir uns? Warum zeigen wir nicht, was die Natur uns geschenkt hat: Nasenhaare! Achselhaare! Schamhaare! Rasieren ist old school! Und Raffsichtblenden erst recht!“

„Und wie halten Sie es mit dem angeborenen Schamgefühl, Norbert?“

„Gibt es nicht. Das ist alles Sozialisation.“

„Weiß ich nicht.“

„Ich aber.“

„Wir wollten in der ersten Etage Läden anbringen. Mit der Farbe sind wir uns noch unsicher.“

„Zur Farbe sage ich nichts. Sonst nagelst du mich später noch fest, ich hätte dir das empfohlen!“

„Würden wir nie machen.“

„Nee. Nee. Ich kenne euch doch. Entscheidungsschwäche auf mich abwälzen ist nicht.“

„Ist aber eine schwierige Frage. Sie würden wahrscheinlich hautfarben nehmen.“

„Eher: Durchsichtig.“

„Verstehe.- Hier drei Häuser weiter hat man sich ja für Aluminium entschieden. Die haben Sie doch auch angebracht?“

„Aber klar. Alu ist immer gut. Verwittert nicht. Leicht zu bewegen. Einfach zu montieren.“

„Aluläden? Ich lebe doch nicht in einer Konservendose!“

„Leben? Wer lebt hier schon!  Nur der Nackte lebt!“

„Okay. Okay. – Also, mir ist Holz jedenfalls sympathischer. Irgendwie wärmer, natürlicher…“

„Holz machen wir auch. Komm mal mit. Im Wagen habe ich ein paar Muster.“

Ganz harmlos führt Norbert den metropolenschreiber zu seinem schneeweißen Lieferwagen. Doch als er die Hecktür öffnet und nach einem Muster greift, muss der metropolenschreiber schlucken, denn was er hier sieht, ist Revolution pur. Denn: Sämtliche Wände des Lieferwagens sind mit Fotografien nackter Menschen tapeziert.

„Wo soll ich hingucken?! Da ist ja hundertmal Norbert in nackig!“ denkt der metropolenschreiber.

„Was schaust Du denn so. Wir sind Nudisten. Wir fahren mit dem Wagen auch in den Urlaub. Die Bilder habe ich alle selbst gemacht.“

Norbert entblättert ein Faltblatt vor den Augen des metropolenschreibers. Puh, endlich ein Anker für die Augen. Nicht weiter der nackte Norbert!

„Wie komme ich hier bloß raus?“

Norberts Handy stöhnt.

Unauffällig entfernt sich der metropolenschreiber von der geöffneten Heckklappe. Und während Norbert telefoniert, schließt  dieser beiläufig den Wagen. Der metropolenschreiber ist erleichtert.

„Sorry für  die Unterbrechung.“

„Kein Ding!“

„Ging nur um unsere erste Untertaunus-Nacktwanderwoche. Gibt ´nen Haufen zu organisieren! Hey, wär´das nichts für dich?“

2 Kommentare zu „Norbert in nackig

  1. wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein lichtlein her. … :
    furioses comeback des metropolenschreibers nach langer auszeit!

    und die bisher pointierteste geschichte.
    wie geht es weiter mit nobbi?
    und macht Ihr mit bei der wanderung?

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