Warmes Herz. Warme Gedanken

Seit einigen Wochen verschlägt es den metropolenschreiber Samstagmorgens in die Nachbarstadt der kleinen Metropole. Dort treibt das Kind Sport, und er nutzt die Zeit, um im örtlichen Großmarkt zu shoppen.

Anfangs fiel es ihm schwer, und er lehnte sich innerlich gegen die Lieblosigkeit der Regalgestaltung ab. Keine Deko. Kein Ornament nirgends. Pure Funktion. Pure Konsumkälte. Nur im Eingangsbereich verströmen der türkische Feinkostimbiss, der Schuh- und Absatzdienst und der Blumen-Express-Service Individualität und so etwas wie Atmosphäre.

Doch im Markt selbst verliert sich der metropolenschreiber zwischen himmelhohen Stahlregalen und meilenlangen Kühltruharmaden.

„Einsam“, klopft das Herz. Und: „Mir ist kalt. Warum sind alle so kalt?“

Und der metropolenschreiber fragte sich: „Soll ich auf dieses mein Herz hören? Soll ich?“

„Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“, kam die Antwort von irgendwoher und der metropolenschreiber begriff: „Dieser Dreckskälte muss ein Ende bereit werden!“

Und endlich sah der metropolenschreiber die Quelle der konsumtemplischen Mini-Eiszeit. Da hatte irgendein Lieschen Müller die Schiebetüren der Kühltruhen offen stehen gelassen. Oh, Kältegeburt! Oh, Energieverschleuderung! Oh, nein!

Und mit dem Schlachtruf „Kälte, bleib bei deinen Tiefkühlbrezeln! Kälte, komm´ nicht in unsere Herzen! Ah!“ stürzte sich der metropolenschreiber auf die Kühltruhe und knallte die Schiebetüren zu, dass die Eiskristalle nur so staubten.

Es ist schon so, dass das die Mitshopper beeindruckt waren. Sie dachten und sie sprachen es auch aus: „Toll, wie Sie hier im Alltag Flagge zeigen. Hier redet einer nicht nur. Hier handelt einer. Hier schwenkt einer im kleinstädtischen Alltagstrott die stolze Flagge des Wutbürgers! Wow!“

Der metropolenschreiber nickt kurz: „Danke. Danke.“ Bescheidenheit kommt immer gut an.

Na, ja, zur Feier des Tages gönnt er sich ein neues Playboy After Shave London.

Er überlegt. Was soll er twittern: „Coole Typen brauchen heißes Rasierwasser. Oder besser: Heiße Typen brauchen cooles Rasierwasser.“ –

Dann wieder zu Hause bricht es aus ihm heraus. Er klagt: „Der Supermarkt in Runkel ist so liebevoll gemacht. Die Verkäuferinnen grüßen so nett. Und manchmal spielen sie den tollen Hit von den nackten Friseusen. Aber dort ist alles kalt und unpersönlich!“

Doch die Frau antwortet nur: „Vielleicht solltest du lieber auch Nordic Walking betreiben. Da wird dir warm ums Herz und du musst dir nicht mehr solche Gedanken machen. Denn du weißt ja: Warmes Herz. Warme Gedanken. Ist eine alte Bauernregel!“

Oh, wenn die Frau mit Bauernregeln kam, wurde es brisant.

Aber versteht sie denn nicht, dass es Kälte auch im übertragenen Sinne gibt? Kälte in der Gesellschaft? Zwischen den Menschen, die einsam zwischen den Kühlregalen schlurfen und sich nach Wärme sehnen?

2 Kommentare zu „Warmes Herz. Warme Gedanken

  1. also …. : wir begrüssen Dein engagement gegen die kälte & Deinen hechtsprung zur kühltruhe …

    wie aber sähe es aus, wenn ein neonazi kälte verbreitet?

    (verzeih die politisierung Deines blogs, aber ich schreibe aus dem osten der republik …)

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