(Fast) das neue Stammlokal oder: Der 1,58 m Werwolf

Kürzlich machten sich Herr und Frau metropolenschreiber auf, um der örtlichen Gastroszene einmal so richtig auf den Zahn zu fühlen. Zugegeben hatte das Paar ziemlich miesepetrige Laune, obwohl die Kinder versorgt waren und die Sonne schien. Aber so ist es im Leben: Wissen wir das Gute zu schätzen? Viel zu selten. Viel zu selten.

Jedenfalls steuerte das launige Paar einen zentralen Kaffeeausschank in der kleinen Stadt an. Einen Kaffeeausschank, der mit Palmen und extravagant geschmiedeter Bestuhlung das Straßenbild bereichert.

„Drinnen oder draußen?“, fragte Frau metropolenschreiber.

„Drinnen“, antwortete Herr metropolenschreiber.

Zwei Damen und ein Herr, schwarz gewandet, stellten das Personal. Und Damen mit bunten Doc Martin Boots, die ihr ergrautes Haar ungefärbt der Welt präsentierten, und viel, viel lachten, stellten die Gäste.

„Immer mehr Frauen ab 40 färben sich die Haare nicht“, stellte der metropolenschreiber fest und betrachtete kritisch den Schopf seiner Begleitung.

„Das finde ich gut. Das ist ein Statement gegen den Jugendwahn“, antwortete Frau metropolenschreiber.

„Einerseits. Andrerseits sieht gefärbtes Haar besser aus“, konterte der metropolenschreiber.

Gut, dass in diesem Moment die bestellte Kaffeespezialität von der antilopenhaften Kellnerin gebracht wurde. Mit einem Lächeln gebracht wurde.

„Ach, sind die nett hier. Nicht so wie im Café Melanie am Roßmarkt, wo man sich gar nicht traut zu bestellen“, stellte Frau metropolenschreiber fest.

„Du und deine ewige Angst vor Blondinen. Innen sieht das Melanie total toll aus. Wirklich.“

„Aber hier ist es auch nicht schlecht.“

„Und der Kaffee ist der Hammer.“

„Und der Barista wirkt total souverän.“

Herr und Frau metropolenschreiber beschlossen feierlich: „Das wird unser neues Stamm-Kaffeehaus. Das ist so cool, das können wir sogar unseren Kritikasterfreunden aus der Hauptstadt zumuten.“

Und beide seufzten zufrieden: „Aaaaaah!“

Und wohlgestimmt betrachteten sie die Besitzerin, die mit Glasreiniger und Putztuch, die Sonderangebots-Kaffeeservices, die Kaffeemaschinen und -mühlen abstaubte, polierte und wienerte, dass das Glasregal nur so schepperte.

„Ganz klar: Doppeljungfrau“, diagnostizierte der metropolenschreiber.

„Oder Putzzwang.“

„Sie ist einfach stolz auf ihren Laden. Sie will zeigen, was sie hat. Das ist doch völlig in Ordnung. Das ist nicht krank.“

Es war wirklich toll hier. Gesprächsthemen explodierten quasi am laufenden Band. Hier konnte kein Paar jemals schweigend beianderhocken und Trübsal blasen.

„Ich war ja neulich hier und habe mich über die Kaffeemaschinen beraten lassen“, ließ Frau metropolenschreiber schließlich fallen und deutete auf eine Armada bunter Maschinenwürfel zur Kaffeezubereitung, die in dem entstaubten Regal appetitlich auf Kundschaft warteten.

Und während der metropolenschreiber zahlte, die Servicekraft ein saftiges Trinkgeld einstrich, fing er an, die bunten Metallboxen zu untersuchen: Schalter klappten satt hoch und runter. Auffangsiebe lagen schepperfrei in ihren Hartplastikschalen.

„Das riecht nach Manufactum.“

„Das ist Wertarbeit.“

„Gefällt mir.“

Doch gerade als der metropolenschreiber seine Silberschatulle mit den Öko- und Stiftung Warentest-Aufklebern auspacken wollte, um die tollen Teile zu adeln, schoss der Barista hinter seiner Bar hervor.

1,58 m Werwolfmacht. Bellend: „Das ist keine Selbstbedienung hier.“

„Aha.“

„Das ist keine Selbstbedienung hier.“

„Die Maschinen gefallen uns wirklich gut.“

„Das ist keine Selbstbedienung hier.“

„Die wirken sehr solide.“

„Das ist keine Selbstbedienung hier.“

Der metropolenschreiber blickte in das gelbe Auge des Werwolfs und dachte: Welche Geste der Unterwürfigkeit kann mich noch retten? Er warf sich auf den Boden des Kaffeehauses, streckte Arme und Beine in die Höhe, riss sich den Schal vom Hals und zeigte seine Kehle.

„Hier mein Adamsapfel! Ich biete Dir mein Sein!“

Und. Was soll man sagen. Es half. Der Werwolf gab ihn frei. Gedemütigt, gebrochen und mit feuchten Augen trollte sich der metropolenschreiber. Traurig trottete seine Gefährtin hinterher. Schade, es wäre ein schönes, neues Stammlokal geworden.

Ein Kommentar zu „(Fast) das neue Stammlokal oder: Der 1,58 m Werwolf

  1. oh la la!

    the rebirth of the metropolenschreiber!
    da mussten wir fast ein jahr drauf warten.

    alle aktivitäten (frühstück & co.) wurden sofort
    auf eis gelegt und der neue beitrag wurde
    feierlich verlesen. man konnte stecknadeln
    fallen hören. am ende: applaus.

    das thema ‚haarfärben‘ möchten wir bald persönlich vertiefen.

    die stammkaffee-suche ist ein heikel ding.
    ausser hier auf dem aussenposten montmatre.
    selten so viele sofort als einwandfrei zu identifizierende bars & cafes gesehen.

    und – wunder wunder – schon zweimal wurde wir auf meine eingeknickte bemerkung ‚pardon, mon fraincais c’est tres mal‘ erwidert:
    ’sorry for my bad english‘

    alles fliesst. auch an der seine.

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